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Redebeitrag zur Eröffnung der Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“

am 11. Juni 2014 in der Stadtbücherei Marl
von Karl Rössel (Recherche International e.V., Köln)

Der Weg bis zur Realisierung dieser Ausstellung war lang und führte uns rund um den Globus, in 30 Länder Afrikas, Asiens und Ozeaniens, um Stimmen, Erfahrungen und Meinungen von Menschen aus der sogenannten Dritten Welt zu sammeln und aufzuzeichnen, die zur Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus und vom japanischen Großmachtwahn beigetragen haben.

Der Ausgangspunkt dieses Projekts liegt zeitlich schon ein Vierteljahrhundert zurück. Es war Mitte der achtziger Jahre, als wir im Rheinischen Journalistenbüro in Köln, einem Kollektiv freier Journalisten, an einem Buch über die Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik arbeiteten. Darin gingen wir den Konjunkturen der Solidaritätsarbeit von der Unterstützung des algerischen Befreiungskampfes in den 1950er Jahren über die Protestbewegungen gegen den Vietnam-Krieg und den Militärputsch in Chile in den 60ern und 70ern bis zur Unterstützung der Sandinisten in Nicaragua und den Kampagnen gegen das südafrikanische Apartheid-Regime in den 1980er Jahren nach.

Bei den Arbeiten an diesem Buch fiel uns auf, dass sämtliche Aktionsformen, die Initiativen in Europa nach 1945 in Solidarität mit Ländern und Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt nutzten, während des Zweiten Weltkriegs umgekehrt in Ländern der Dritten Welt praktiziert worden waren, um den antifaschistischen Widerstand in Deutschland und Europa zu unterstützen.

So hatte es z.B. in den 1930er Jahren in Buenos Aires und Manila Boykottkampagnen gegen deutsche, italienische und japanische Waren gegeben, so wie Jahrzehnte später gegen das rassistische Südafrika. Der Aufruf „Waffen für El Salvador“, mit dem deutsche Solidaritätsgruppen Anfang der 1980er Jahre Sammlungen für die dortige Befreiungsbewegung durchführten, hatte einen Vorläufer in Kuba, wo Arbeiter während des Zweiten Weltkriegs unter dem Motto „Ein Tageslohn für die Rote Armee“ Geld für die antifaschistische Kriegsallianz in Europa gesammelt hatten.

Auch die Kaffee- und Gesundheits-BrigadistInnen der Nicaragua-Solidarität hatten historische Vorläufer in den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg, denen ab 1936 auch zahlreiche Freiwillige aus Afrika, Asien und Lateinamerika beitraten, um mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus in Europa zu kämpfen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1944, hatten nahezu alle Länder der Dritten Welt, die damals bereits unabhängig waren, Deutschland den Krieg erklärt. Darüber hinaus hatten die kriegführenden Mächte auch all ihre Kolonien in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika in den Krieg mit einbezogen.

Fakten wie diese erwähnten wir 1985 in der Einleitung unseres Buchs über die Dritte-Welt-Bewegung, um darauf hinzuweisen, dass internationale Solidarität historisch keineswegs nur einseitig vom Norden für den Süden geübt wurde, sondern während des Zweiten Weltkriegs unter Einsatz ungleich höherer Opfer umgekehrt praktiziert worden war.

Wir wollten schon damals auch an die konkrete Beteiligung der Dritten Welt an der Befreiung Europas erinnern und an die unzähligen Soldaten aus den Kolonien, die gegen die faschistischen Achsenmächte gekämpft haben. Aber wir fanden in der hiesigen Literatur keinerlei seriöse und zuverlässige Informationen darüber.

Selbst die Opfer aus der Dritten Welt kamen in den Statistiken über den Zweiten Weltkrieg schlichtweg nicht vor.

Darin waren stets die etwa 20 Millionen Opfer in der Sowjetunion, die 6 Millionen Opfer des Holocausts und die ca. 5,5 Millionen Toten in Deutschland aufgelistet – letztere oft an erster Stelle. Dann folgten Opferzahlen aus Frankreich, Großbritannien, Italien, den USA und Japan, manchmal bis hin zu den ca. 1.400 Kriegstoten in Dänemark. Aber über Kriegsopfer in der Dritten Welt fand sich nichts, was sich im übrigen bis heute kaum geändert hat.

Diese Ausblendung weiter Teile der Welt aus der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg empfanden wir als so ungeheuerlich, dass wir uns vornahmen, den Versuch zu unternehmen, daran etwas zu ändern. Ab Mitte der 1990er Jahre haben wir die Recherchen zu diesem Thema systematisiert und bei all unseren journalistischen Reisen in Länder Afrikas, Asiens und Ozeaniens auch Interviews mit Zeitzeugen und Historikern zum Zweiten Weltkrieg geführt, Biographien von Veteranen gesammelt, Dokumentar- und Spielfilme zum Thema, Romane und Sachbücher, Fotos, Archivmaterialien und historische Dokumente.

Dabei zeigte sich schnell, dass die hierzulande vergessenen Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Dritte Welt in den betroffenen Ländern selbst sehr präsent und teilweise bereits erstaunlich systematisch aufgearbeitet waren.

So gibt es z.B. in nahezu jeder größeren afrikanischen Stadt ein Haus, in dem sich Veteranen aus den Kolonialarmeen treffen. In den ehemals französischen Kolonien heißen diese Zentren „Maison d’anciens combattants“, in den ehemals britischen „Veterans-Clubs“. Ich habe selbst solche Zentren z.B. in Ouagadougou, Bamako und Dakar besucht und traf dort überall auf Zeitzeugen, die sofort bereit waren, von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg zu erzählen, weil sie wollten, dass ihr Beitrag zur Befreiung Europas endlich wahrgenommen und anerkannt wird.

Am Rande der philippinischen Hauptstadt Manila besuchte ich ein soziales Zentrum für ehemalige Partisanen, die gegen die japanischen Besatzer gekämpft haben.

In vielen asiatischen Ländern haben Frauen, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen Armee in deren Militärbordelle verschleppt worden waren, in den 1990er Jahren Selbsthilfegruppen gegründet, die heute in einem internationalen Netzwerk zusammen arbeiten und die uns u.a. die Portraitsammlung von Überlebenden zur Verfügung gestellt haben, die – auf ausdrücklichen Wunsch der asiatischen Frauenorganisationen – im Asien-Kapitel der Ausstellung zu sehen ist.

Bei einer Recherchereise durch sieben pazifische Inselstaaten erfuhr ich, dass Historiker der Universität des Südpazifiks in Hawaii schon in den 1980er Jahren sogenannte Oral-History-Konferenzen über Kriegserfahrungen von Insulanern durchgeführt hatten, die in umfangreichen Publikationen in Englisch und Pidgin dokumentiert sind. Allein auf den Inseln Vanuatus hatten einheimische Feldforscher über Jahre hinweg Hunderte von Interviews mit Augenzeugen über den Zweiten Weltkrieg aufgezeichnet, die auf Kassetten im Archiv des Kulturzentrums in der Inselhauptstadt Port Villa lagern, und die ich dort auswerten konnte.

Überall, wo wir recherchierten, trafen wir Zeitzeugen, die uns bereitwillig von ihren Erfahrungen berichteten und uns ausdrücklich darum baten, diese endlich auch in den Ländern bekannt zu machen, die den Krieg verschuldet und geführt haben.

Deshalb steht gleich zu Beginn der Ausstellung – im Prolog - eine Videostation mit dem Titel „Unsere Befreier“. Sie zeigt 200 Portraits von Menschen aus verschiedenen Kontinenten, die im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten gegen die faschistischen Achsenmächte gekämpft haben, aber in kaum einem Geschichtsbuch zu finden sind. (Bislang sind die Videostationen hier in Marl nicht zu sehen, aber ich hoffe, dass er noch möglich sein wird, sie zu zeigen.)

Wir haben uns bei der Arbeit an diesem Projekt von Anfang an als Übersetzer und Vermittler dieser vergessenen KriegsteilnehmerInnen und AugenzeugInnen verstanden.

Deshalb sind auch Hörstationen mit Original-Aufnahmen von ZeitzeugInnen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung.

Bei unseren Recherchen in den jeweiligen Ländern haben wir zudem so weit irgend möglich einheimische HistorikerInnen zu Rate gezogen. Wir wollten keine Geschichtsschreibung aus „weißer“, europäischer Sicht, sondern haben z.B. Joseph Ki-Zerbo aus Burkina Faso getroffen, der die erste Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht geschrieben hat und der beim Interview in Ouagadougou den Zweiten Weltkrieg als „größten historischen Einschnitt für Afrika seit dem Sklavenhandel und der Zerstückelung des afrikanischen Kontinents bei der Berliner Kongo-Konferenz im Jahre 1884“ bezeichnete. Sie finden das Zitat in der Afrika-Abteilung der Ausstellung.

In Manila trafen wir Ricardo Trota José von der Universität der Philippinen, der viele Jahre lang zu den Folgen der japanischen Besatzungszeit geforscht hatte und uns das erschreckende Ergebnis mitteilte, dass in seinem Land jede und jeder 16. in diesem Krieg umgekommen sind, insgesamt 1,1 Millionen Menschen.

In Hongkong führte uns der chinesische Historiker Tim Ko durch ein Museum zu den Folgen des japanischen Besatzungsregimes in der damals noch britischen Kronkolonie.

Und aus Nanking brachte uns eine befreundete Sinologin Augenzeugenberichte von Überlebenden des Massakers mit, bei dem die japanischen Truppen in der damaligen chinesischen Hauptstadt innerhalb weniger Wochen mehr als 300.000 Chinesinnen und Chinesen ermordeten. Die Zeugnisse von Überlebenden wurden im Rahmen unseres Projekts erstmals ins Deutsche übersetzt. Kurze Auszüge daraus finden sich im Asien-Kapitel der Ausstellung, ausführlichere sind in dem Buch „Unsere Opfer zählen nicht“ nachzulesen, das als Katalog dazu dient und das auch hier in Marl erhältlich ist.

Das Massaker von Nanking ereignete sich Ende 1937, Anfang 1938, also zu einem Zeitpunkt, zu dem nach hiesiger Lesart der Zweite Weltkrieg noch gar nicht begonnen hatte. Tatsächlich sind viele der historischen Koordinaten, mit denen hierzulande der Zweite Weltkrieg beschrieben wird, fragwürdig, wenn nicht sogar falsch. Dazu gehört auch dessen Terminierung. Am 1. September 1939 begann der Krieg lediglich in Europa. Nicht nur in Asien war er längst im Gange und hatte in China bereits Millionen Tote gefordert. Auch in Afrika herrschte bereits seit dem italienischen Überfall auf Äthiopien im Oktober 1935 Krieg - ein Krieg, in dem bis zur italienischen Kapitulation im Jahre 1941 Soldaten aus 17 Ländern und drei Kontinenten teilnahmen, der aber wohl deshalb nicht als Weltkrieg firmiert, weil er nicht in Europa stattfand, sondern in Afrika.

Die Fragwürdigkeit der hiesigen Geschichtsschreibung gegenüber den Kriegsfolgen auf anderen Kontinenten dokumentieren wir in dieser Ausstellung anhand einiger prototypischer Beispiele auf Tafeln mit dem Titel „Verdrehte Geschichte“.

So findet sich zum Beispiel in zahlreichen Büchern, mit denen an Schulen Geschichte gelehrt wird, bis heute der – auf einer dieser Tafeln zitierte - Satz, dass sich der Krieg erst mit dem Angriff der japanischen Luftwaffe auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor „zum Weltkrieg ausgeweitet habe“. Der Angriff auf Pearl Harbor war bekanntlich im Dezember 1941. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in Asien bereits vier Jahre lang Krieg, in Afrika sechs Jahre.

Wie wenig Beachtung weite Teile der Welt in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs finden, offenbart prototypisch ein Dokumentarfilm über „den Krieg im Pazifik“, den der prominenteste deutsche Fernsehhistoriker, Guido Knopp, im September 2004 im ZDF präsentierte. Darin kam tatsächlich nicht ein einziger Inselbewohner in Wort oder Bild vor. Nur japanische Kamikaze-Flieger und US-amerikanische Marine-Soldaten waren zu sehen und zwar, wie Knopp stolz betonte, erstmals „in Farbe“. Dazu hieß es im Off-Kommentar, dass die grausamsten Schlachten im Pazifik auf – Zitat - „unbewohnten Insel“ stattgefunden hätten. Wir haben dieses Zitat von Knopp in dieser Ausstellung neben die Tafel über Neuguinea gehängt, der größten pazifischen Insel, die – wie nahezu alle anderen Kriegsschauplätze in Ozeanien – keineswegs „unbewohnt“ war. Vielmehr lebten allein in Neuguinea 1942, als die Insel zum Schlachtfeld wurde, zwei Millionen Menschen, die sich plötzlich mit 1,8 Millionen japanischen, US-amerikanischen und australischen Soldaten konfrontiert sahen. Um ihren Krieg im hohen Gebirge dieser Insel austragen zu können, rekrutierten alliierte wie japanische Militärs jeweils etwa 50.000 Einheimische, die als Träger, Kundschafter, Soldaten oder auch lebende Schutzschilde dienen mussten und von denen Tausende umkamen.

Ähnlich verheerende Folgen hatte der Zweite Weltkrieg für die Bewohner der Salomon-Insel, des Zentralpazifiks und Mikronesiens. In Palau kam ein Drittel der Menschen im Krieg ums Leben, auf Saipan stand danach nahezu kein Haus mehr und jeder Zwölfte Inselbewohner war umgekommen.

Dem ZDF war all das noch sechs Jahrzehnte nach Kriegsende in einer 45-minütigen Dokumentation nicht einen einzigen Satz und nicht ein einziges Bild wert.

Diese Ignoranz gegenüber Menschen in der Dritten Welt im Allgemeinen und den BewohnerInnen der pazifischen Inseln im Besondern setzt sich übrigens bis in die Gegenwart fort, so z.B. seit 2011 in der Medienberichterstattung über die atomare Katastrophe in Japan. So sprachen zahllose Fernseh-, Rundfunk- und Pressekommentatoren nach der Reaktorexplosion in Fukushima unisono davon, welches „Glück im Unglück“ es doch sei, dass die radioaktiven Wolken nicht Richtung Tokio, China oder Russland getrieben würden, sondern in den Pazifik, so als sei dieser unbewohnt.

Tatsächlich leben Millionen Menschen auf den pazifischen Inseln und abgesehen von der Umgebung von Tschernobyl dürfte es kaum eine Region geben, die nach dem Zweiten Weltkrieg so breit und massiv radioaktiv verstrahlt wurde wie Ozeanien. Auf der Schlusstafel des Ozeanien-Kapitels in der Ausstellung weisen wir darauf hin, dass die alliierten Befreier sich im Pazifik rasch als neue Besatzer entpuppten, weil auch sie zahllose Inseln für militärische Zwecke nutzen wollten. So testeten die USA, Großbritannien und Frankreich bis 1996 auf pazifischen Inseln mehr als 300 Atom-, Wasserstoff-, Plutonium- und Neutronenbomben. Und in den Anrainerstaaten des pazifischen Ozeans stehen mehr als 200 Atomkraftwerke, deren Betreiber ihren radioaktiven Müll bereits an vielen Stellen im Pazifik versenkt haben.

Auf den Marianen-Inseln, die Japan am nächsten liegen, wurden deshalb schon in den 1980er Jahren Kinder mit sechs Fingern und verstümmelten Gliedmaßen geboren. Aber in der Berichterstattung über die Folgen von Fukushima kamen Fakten wie diese und mögliche Folgen für die BewohnerInnen des Pazifiks nicht vor.

Im letzten Jahr ging die Meldung durch die Nachrichten, dass die US-Küstenwache vor Alaska ein japanisches Geiserschiff entdeckt hatte, das „bei dem Tsunami ins Meer gespült worden war und seitdem führerlos über den Pazifik trieb“. Es wurde versenkt, weil es US-amerikanische Schifffahrtslinien gefährdete.

Wie viel radioaktiv verseuchter Schrott bereits auf pazifischen Inseln gelandet ist, die sehr viel näher an Fukushima liegen als die USA, war bislang nirgends zu erfahren. Dabei hat die pazifische Kirchenkonferenz bereits 2011 eindringlich vor den Folgen der Reaktorkatastrophe für die BewohnerInnen Ozeaniens gewarnt und die japanische Regierung zu Schutzmaßnahmen aufgefordert.

Das Beispiel zeigt, dass Geschehnisse außerhalb der industrialisierten Machtzentren bis heute kaum oder allenfalls verzerrt wahrgenommen werden, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Regionen jedoch den Blick dafür schärfen kann.

Das gilt auch für Nordafrika, eine weitere Region, die in den letzten drei Jahren weltweites Interesse erregte. Als die Revolte in den arabischen Ländern Libyen erreichte, war in den Medien zwar viel über Gaddafis Greueltaten und seine freundschafltichen Beziehungen zu europäischen Regierunschefs wie Berlusconi zu lesen. Aber ich habe nirgends einen Bericht gefunden, der an den brutalen Kolonialkrieg erinnert hätte, den Italien in den 1920er Jahren in Libyen führte, um die ehemals osmanischen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika zu unterjochen.

Der Schweizer Historiker Aram Mattioli schreibt dazu: „Die historische Bedeutung dieses vergessenen Kolonialkrieges liegt darin, dass die Gewaltexzesse des faschistischen Italien zu keiner anderen Zeit und in keinem anderen Kriegsgebiet den Tatbestand des Völkermordes so eindeutig erfüllten wie während der ‚Wiedereroberung Libyens’ (von einheimischen Widerstandskämpfern, K.R.) in den Jahren zwischen 1923 und 1932.... Insgesamt hatte das geschundene Wüstenland im ersten Jahrzehnt der faschistischen Kolonialherrschaft... rund 100.000 Opfer zu beklagen.“ Laut Mattioli, einer der wenigen europäischen Forscher, der sich intensiv mit den italienischen Kolonialkriegen vor und während des Zweiten Weltkriegs befasst hat, war Libyen für Mussolini eine „Schule der Gewalt“ und nur das Vorspiel für den „faschistischen Vernichtungskrieg“, den Italien ab 1935 in Äthiopien führte und mit dem der Zweite Weltkrieg in Afrika begann.

Hinweise auf diese Kolonialgeschichte suchte man in der Medienberichterstattung über Libyen jedoch ebenso vergeblich wie historische Informationen über den Krieg, den deutsch-italienische Truppen ab 1940 in der zuletzt wieder umkämpften libyschen Wüste führten. Lediglich der arabische Fernsehsender Al Jazeera erinnerte in ein dreiteiliger Dokumentarfilm unter dem Titel „Mines of Alamein“ daran, dass in dem 2011 wieder umkämpften und von Zehntausenden Flüchtlingen durchquerten libysch-ägyptischen Grenzgebiet noch immer Tausende Minen liegen, die beim Angriff der faschistischen Achsenmächte auf Ägypten verlegt worden waren. Nach dieser Fernsehdokumentation wurden bis heute mindestens 900 Männer, Frauen und Kinder schwer verletzt oder gar getötet, weil sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs niemand darum kümmerte, die Minen zu räumen. So reißerisch die Fernsehbilder von verstümmelten Gliedmaßen und erblindeten Opfern in der Al Jazeera-Dokumentation auch waren, so skandalös war darin die Aussage von Ulrich Tietze, deutscher Berater eines UN-Entwicklungsprogramms in der Region, wonach es allein „Aufgabe der ägyptische Regierung“ sei, die Minenopfer zu entschädigen. Zitat: „Die Unfälle passieren auf ägyptischem Staatsgebiet, also ist der ägyptische Staat auch dafür zuständig, Entschädigungen zu zahlen.“

Tatsächlich müsste das für den Zweiten Weltkrieg hauptveranstaltliche Deutschland nicht nur Minenopfer in Nordafrika entschädigen, sondern auch die zahllosen Zwangsarbeiter, die dort für das deutsche Afrika-Korps ab 1941 arbeiten mußten. Schließlich wurden zur Versorgung der faschistischen Truppen in ganz Nordafrika Nahrungsmittel requiriert, was in Algerien 1943/44 zu einer Hungerskatastrophe führte. Auch dies ist in der Ausstellung dokumentiert, denn die Kenntnis von Fakten wie diesen ist für das Verständnis der Nachkriegsgeschichte der Region bis zu den aktuellen Revolten von heute unverzichtbar.

Trotzdem fand sich nichts davon auch in dem Medienrummel, der vor gut einem Jahr um den von sieben Millionen ZuschauerInnen verfolgten Fernsehfilm über den Nazigeneral Erwin Rommel hierzulande inszeniert wurde und dem der Spiegel eine Titelgeschichte widmete, angekündigt übrigens mit einem Propagandafoto aus der NS-Zeit. Darin wurde der Hitlerverehrer Rommel, der mit seinen Angriffstruppen in Nordafrika nichts zu suchen hatte, als - Zitat - „Held der Cyrenaika“ bezeichnet, dessen „kühne Panzerattacken im Wüstensand“... „in bewährter Blitzkrieg-Manier“ ...“selbst dem britischen Generalstab Bewunderung abnötigten“. Dazu wurde die Falschmeldung geliefert: „Als Soldat hat (Rommel) das Glück, an Frontabschnitten eingesetzt zu sein, die von den Stätten der Vernichtung weit entfernt sind“. Dankenswerterweise hat der Historiker Hannes Heer in einem Interview mit der Zeitschrift „konkret“ daran erinnert, dass Rommel schon 1939/40 ein halbes Jahr in Polen Kommandant des Führerhauptquartiers gewesen war und „an Hitlers Tafel habe sitzen“ dürfen... „als mit der Überschreitung der polnischen Grenze am 1. September“ die Morde „an Kriegsgefangenen und Zivilisten, vor allem Juden, ...einsetzten“. Außerdem habe auch in Nordafrika 1942 ein SS-Komando bereit gestanden, um nach der von Rommel anvisierten Besetzung Ägyptens und Palästinas die Vernichtung Hunderttausender Juden in der Region zu organisieren. In unserer Ausstellung werden Sie auch Fakten wie diese finden.

Warum die Kolonialgeschichte des Zweiten Weltkriegs bis heute weitgehend verdrängt und verschwiegen wird, begründet Professor Kuma Ndumbe, Politikwissenschaftler aus Kamerun, so: „Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs erweist sich, wie jede Geschichte, als die der Sieger, aber auch als die der Besitzenden und Wohlhabenden. Deutschland und Japan gehören trotz ihrer militärischen Niederlage in der Geschichtsschreibung zu den Siegern, denn auch wenn die Historiographie in den beiden Ländern eine kritische Befragung und Korrekturen hinnehmen musste, werden ihre Bevölkerungen doch als Menschen gleichen Ranges wahrgenommen. Diejenigen aber, die nach dem Krieg vergessen wurden, als ob sie während des Krieges gar nicht existiert hätten, die mit ihren eigenen Kindern die Geschichte neu erlernen müssen, ohne eigene Taten in dieser Geschichtsschreibung wiederzufinden, gehören zu den eigentlichen Verlierern. Verlierer und ohne eigene Stimme, so leben bis heute noch Hunderte Millionen Menschen mit ihren Nachkommen in Afrika, Asien, Lateinamerika, in Australien und in der Pazifikregion...“ Das Zitat ist im Epilog der Ausstellung nachzulesen.

Es ist die von Kuma Ndumbe beschriebene Ignoranz gegenüber der Geschichte der kolonialisierten Kontinente, die wir mit dieser Ausstellung und unseren Publikationen zum Thema endlich zu durchbrechen versuchen. Dazu gehören auch Unterrichtsmaterialien für Schulen, die hier ebenfalls erhältlich sind.

Diese enthalten auch die Weltkarte mit den Kolonialmächten und Kolonien zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aus der Ausstellung sowie eine CD mit Originaltönen von ZeitzeugInnen aus vielen Ländern.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist so wichtig, weil es nicht um historische Marginalien geht, sondern um ein zentrales, wenn auch verdrängtes Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Tatsächlich zogen mehr Soldaten aus der Dritten Welt in den Zweiten Weltkrieg als aus Europa (wenn man von der Sowjetunion absieht). Allein in China z.B. waren es 14 Millionen. Von den 11 Millionen Soldaten unter britischem Kommando stammten fünf Millionen aus Kolonien - Indien stellte im Zweiten Weltkrieg 2,5 Millionen Soldaten und damit die größte Kolonialarmee aller Zeiten. Auch die Streitkräfte des Freien Frankreich bestanden zumindest bis 1944 mehrheitlich aus Afrikanern.

Der Preis, den Menschen in der Dritten Welt für die Befreiung der Welt von den faschistischen Achsenmächten gezahlt haben, war extrem hoch. Allein China hatte mehr Opfer zu beklagen als Deutschland, Japan und Italien zusammen – nach heutigen Schätzungen chinesischer wie deutscher Historiker mehr als 20 Millionen!

Und mehr Bombenopfer als in Berlin, Dresden oder Hamburg gab es in der philippinischen Hauptstadt Manila, bei deren Befreiung von japanischer Besatzung (1944) 100.000 Zivilisten ums Leben kamen.

Aber all diese historischen Fakten werden im hiesigen Geschichtsdiskurs weitgehend ausgeblendet. Das erklärt die Form dieser Ausstellung. Fakten wie diese müssen erläutert und können nicht einfach mit Fotos dokumentiert werden, da diese ohne Hintergrundinformationen kaum jemand einzuordnen wüsste. Allerdings muss niemand alle Ausstellungstafeln lesen, damit das Ziel dieser Ausstellung erreicht wird. Jede Tafel präsentiert eine in sich geschlossene Geschichte. Auch wer nur wenige liest, wird rasch die Dimension dessen erkennen, was bislang verschwiegen wurde.

Manche haben die Ausstellung deshalb als zu textlastig kritisiert. Aber was für einige offenbar zu viel des Lesestoffs ist, empfanden die Drucker in Köln, die für uns die Alutafeln der großen Ausstellungsversion produziert haben, offenbar als überaus spannend. Die Kölner Drucker haben bei ihrer Arbeit alle Texte gelesen und waren davon so bewegt und erschüttert, dass sie uns zusätzliche flexible Versionen der Ausstellung in kleineren A1- und A2-Formaten zu Sonderkonditionen produziert und eine sogar geschenkt haben. Denn sie wollten, dass die in der Ausstellung präsentierten historischen Fakten endlich möglichst breit bekannt gemacht würden, auch in Bildungseinrichtungen, Schulen und Kulturzentren, die nicht über genügend Platz für die große Version verfügen.

Wir haben es somit diesen Kölner Druckern zu verdanken, dass heute hier in Marl die mittelgroße A1-Version der Ausstellung gezeigt werden kann, während gleichzeitig die große Version in Bremen lagert, wo sie demnächst im Rathaus zu sehen sein wird.

Der Aufbau der Ausstellung ist wie folgt: Es gibt drei Hauptkapitel über Afrika, Asien und Ozeanien im Zweiten Weltkrieg und einen Abschnitt über Süd- und Mittelamerika.

Neben den geographischen Kapiteln gibt es in der Ausstellung zwei thematische Unterkapitel.

Eines davon erinnert an die „Judenverfolgung außerhalb Europas“, so etwa an die mehr als einhundert Lager in Nordafrika, die vom faschistischen Italien und der französischen Kollaborationsregierung von Vichy in Abstimmung mit dem NS-Regime meist in abgelegenen Wüstengegenden in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen unterhalten wurden. Darin wurden nicht nur politische Deportierte aus Europa und Oppositionelle aus dem Maghreb bei Zwangsarbeit gequält, sondern auch Tausende Juden aus der Region. Allerdings wird dies selbst in der Geschichtsschreibung zum Holocaust bislang ebenso wenig wahrgenommen wie die Tatsache, dass der Vernichtungswahn der Nazis bis in ferne China reichte, wo japanische Militärs auf Druck Nazideutschlands im besetzten Schanghai ein Ghetto für Zehntausende jüdischer Flüchtlinge errichteten, die in der chinesischen Hafenstadt gestrandet waren. Gestapo-Funktionäre reisten damals nach Schanghai, um ihre japanischen Verbündeten aufzufordern, auch die dort lebenden Juden zu vernichten.

Auch für die 700.000 Juden in Nordafrika und im Nahen Osten war es eine tödliche Bedrohung, als die Truppen der faschistischen Achsenmächte unter Rommel in Libyen einfielen. Allein der Sieg der Alliierten in Nordafrika verhinderte die Durchführung der Nazipläne zur Ermordung der Juden aus der Region. Mehr als 5.000 von ihnen wurden jedoch in den Arbeitslagern in Nordafrika zu Tode geschunden - die meisten von Arabern, die dort bereitwillig als Wächter und Folterer Dienst taten.

Tatsächlich fanden die Achsenmächte rund um den Globus zahlreiche Sympathisanten, die ihre faschistische Ideologie teilten. Manche von ihnen beteiligten sich auch aktiv am Holocaust – so etwa der oberste Repräsentant der Araber Palästinas, Hadj Amin el-Husseini, der von 1941 bis 1945 im Berliner Exil mit den Nazis zusammen arbeitete. Er half mit, Hunderttausende Muslime aus den besetzten Südprovinzen der Sowjetunion für die deutsche Wehrmacht zu rekrutieren und Zehntausende auf dem Balkan für die Waffen-SS.

Über den Propagandasender der Nazis forderte er – Zitat - „die Araber im besonderen“ und die „Mohammedaner im allgemeinen“ dazu auf „mit all ihren Kräften“ für „die Vertreibung aller Juden aus allen arabischen und mohammedanischen Ländern“ zu sorgen und sich dabei ein Beispiel am „nationalsozialistischen Deutschland“ zu nehmen, das „die Juden genau erkannt“ und sich entschlossen habe, „für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden“.

Auch dieses Zitat finden Sie in der Ausstellung, in dem zweiten thematischen Unterkapitel zur Kollaboration.

Letzteres führte bereits bei der Premiere der Ausstellung im September 2009 in Berlin zu einer erregten politischen Debatte. Denn obwohl Titel, Konzept und Gliederung der Ausstellung – inklusive des Kollaborations-Kapitels - auch den Berliner Veranstaltern fast ein Jahr lang vorgelegen hatten, drohte die Leiterin der Werkstatt der Kulturen in Neukölln, wo die Premiere ursprünglich hätte stattfinden sollen, drei Tage vor dem Aufbau der Ausstellung damit, „per Hausrecht“ zu verhindern, dass die Tafeln über arabische Nazikollaborateure dort ausgehängt würden.

Um die Ausstellung unzensiert in Berlin zeigen zu können, mussten wir deshalb kurzfristig in die Uferhallen im Wedding umziehen. Dieser Zensur-Versuch löste einigen Medien-Wirbel aus, hatten doch prominente Kollaborateure nicht nur aus Palästina, sondern auch aus Ländern wie dem Irak und Indien, während des Krieges in Berlin für den Propagandaapparat der Nazis gearbeitet und von dort aus Tausende Freiwillige für die arabischen und indischen Legionen von Wehrmacht und Waffen-SS rekrutiert. Dass daran ausgerechnet in Berlin nicht erinnert werden sollte, empfand auch die in der Hauptstadt vertretene internationale Presse als Skandal und entsprechend groß war das Medien-Echo.

Der Zensur-Konflikt um das Thema Kollaboration verschaffte der Ausstellung zwar eine breite Publizität, aber wir hätten darauf gerne verzichtet, weil dadurch andere wichtige Inhalte in den Hintergrund zu geraten drohten. Glücklicherweise spielte die Berliner Auseinandersetzung in den rund 40 Ausstellungsorten seitdem keine Rolle mehr und natürlich wird die Ausstellung auch hier in Marl vollständig und unverändert gezeigt.

Wer sich dafür interessiert, wie Nazikollaborateure aus der Dritten Welt auch in der hiesigen Publizistik und Wissenschaft entschuldigt und als antikoloniale Freiheitskämpfer verharmlost werden, dem empfehle ich den Themenschwerpunkt, den ich darüber für die internationalistischen Zeitschrift iz3w verfasst habe. Die Ausgabe ist ebenfalls hier in der Stadtbücherei erhältlich.

Um allen Missdeutungen vorzubeugen, will ich jedoch noch einmal ausdrücklich betonen, dass auf allen Kontinenten zweifellos mehr Menschen gegen Naziterror, Faschismus und japanischen Großmachtwahn gekämpft haben als an der Seite Deutschlands, Italiens und Japans.

Aber es entspricht der historischen Redlichkeit neben alledem nicht zu verschweigen, dass es in zahlreichen Ländern der Dritten Welt auch faschistische und antisemitische Bewegungen gab sowie internationale Netzwerke, in denen diese zusammen arbeiteten, um den Krieg der Achsenmächte zu unterstützen.

Diese Kollaboration rund um den Globus hat den Krieg zweifellos verlängert und die Folge davon waren Millionen zusätzliche Opfer, die es ohne Kollaborateure nicht gegeben hätte. Deshalb gehört auch dieses Thema unabdingbar in diese Ausstellung, die wir im übrigen – wie unsere Publikationen - nicht als Schlusspunkt und Endergebnis, sondern lediglich als bescheidenen Anfang und als Anregung für eine globale Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg verstehen.

Wir hoffen, dass viele zukünftig mithelfen werden, bestehende Leerstellen zu füllen, Oberflächliches zu vertiefen und Allgemeines zu konkretisieren.

Deshalb freut es mich, dass die Ausstellung jetzt auch hier in Marl gezeigt wird. Ich danke allen sehr herzlich, die die Ausstellungspräsentation hier in der Stadtbücherei organisiert und ermöglicht haben. Dazu gehören sicher viele, aber da ich die meisten bislang nicht einmal persönlich kennen lernen konnte, bitte ich um Verständnis, dass ich stellvertretend für alle hier nur Klaus Hein vom Verein Weltzentrum namentlich erwähne. Er hat die Präsentation der Ausstellung in Marl vorbereitet und mit ihm hatte ich über das letzte Jahr deshalb mehrfach Kontakt. Für sein Engagement ein sehr herzlicher, auch persönlicher Dank.

Darüber hinaus danke ich Ihnen allen dafür, dass Sie heute zur Eröffnung dieser Ausstellung gekommen sind.

Denn tatsächlich braucht es die Unterstützung vieler, um endlich einen Perspektivwechsel von einer eurozentrischen zu einer globalen Geschichtsschreibung einzuleiten. Dieser ist deshalb so schwer durchzusetzen, weil er Konsequenzen für aktuelles politisches Handeln bis in die Gegenwart haben könnte und sollte. So müsste er z.B. zu einem respektvolleren Umgang mit den Nachfahren unserer Befreier führen, sprich: mit den Migrantinnen und Migranten von heute. Tatsächlich jedoch wird selbst denen, deren Väter und Großväter für die Befreiung Europas gestorben sind, heute schon die Einreise in dieses Europa verwehrt. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ab 1939 Hunderttausende Soldaten aus Nordafrika unter alliiertem Kommando gegen faschistische Truppen gekämpft haben und dies nicht nur in Tunesien, Ägypten und Libyen, sondern auch an Fronten in Italien, Frankreich und Deutschland, muss die Hysterie beschämen, mit der dieses reiche Europa seit dem Beginn der Revolten in Nordafrika auf die Landung von ein paar Tausend Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa reagiert.

Tatsächlich hat allein der Krieg in Libyen vor dem Sturz Gaddafis mehr als eine Million Menschen zur Flucht in die Nachbarländer getrieben, davon allein nach Tunesien 555.000 und nach Ägypten weitere 350.000. Noch das verarmte Sahelland Niger nahm 72.000 Flüchtlinge auf und damit fast doppelt so viele wie Europa. Und bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, kommen jedes Jahr mehr als 1.500 Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer ums Leben, das damit zum größten Massengrab der Welt wurde. Doch statt engagierter Hilfen für die verzweifelten Flüchtlinge beschloss die EU weitere Abschottungsmaßnahmen und die militärische Aufrüstung der europäischen Grenzagentur FRONTEX. Selbst nach Katastrophen mit Hunderten Toten wie unlängst vor der Küste von Lampedusa gehen die europäischen Regierungen rasch und ungerührt zur Tagesordnung über.

Ein globaler Blick auf die Geschichte im Allgemeinen und die des Zweiten Weltkriegs im Besonderen könnte dazu beitragen, mehr Solidarität mit den Kriegsflüchtlinge von heute zu erwecken und sich der historischen Verantwortung zu stellen, die Europa gegenüber Kontinenten, Ländern und Regionen hat, die europäische Mächte durch Kolonialisierung und Krieg zerrüttet haben.

Ein globales Verständnis von Geschichte müßte auch mit dem 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs anders umgehen, als es Wissenschaft wie Publizistik hierzulande tun. So wird der Erste Weltkrieg in nahezu allen Medienberichten und Gedenkreden im Jubiläumsjahr 2014 als „europäische Katastrophe“ bezeichnet, obwohl auch von 1914 bis 1918 bereits Hunderttausende Kolonialsoldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien an zahllosen Fronten kämpfen mußten und viele von ihnen umkamen.

Wen es interessiert, der findet Fakten auch hierzu in unserem Buch oder zusammen gefaßt in Artikeln, die in den letzten Ausgaben der Zeitschrift iz3w erschienen und die auf der Internetseite zu diesem Ausstellungsprojekt nachzulesen sind. Die Adresse lautet: www.3www2.de.

Nur in den Ländern der Dritten Welt ist die Kolonialgeschichte der Weltkriege nicht vergessen.

Sehen Sie als Beispiel dafür zum Schluss noch eine afrikanische Perspektive auf die Einbeziehung von Kolonialsoldaten in den Zweiten Weltkrieg, den Kurzfilm „L’ami y’a bon“ („Der Freund aus den Kolonien“) aus dem Afrika-Kapitel der Ausstellung. Er stammt von dem algerischen Regisseur Rachid Bouchareb, der auch den grandiosen Spielfilm „Indigenes“ – „Tage des Ruhms“ gedreht hat über nordafrikanische Kolonialsoldaten, die mithalfen, Frankreich, das Land ihrer Kolonialherren, zu befreien.

Auch die historischen Fakten, auf denen der folgende Kurzfilm beruht, sind in der Ausstellung nachzulesen.

Ich lade Sie hiermit herzlich ein, sich nach dem Film einen ersten Eindruck davon zu verschaffen und ich stehe Ihnen für Nachfragen zur Verfügung.

Wir freuen uns auch über Rückmeldungen, Anregungen und Kritik im Gästebuch zur Ausstellung. Es liegt drüben und wir werden es später auf unserer Internetseite (www.3www2.de) auch veröffentlichen.

Besten Dank für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit auch für den abschließenden Kurzfilm „L’ami y’a bon“.